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Philipp Winterwerb

Faust in der Studierstube

Öl auf Leinwand
64 cm51 cm

Unten rechts monogrammiert: Ph. W

Faust in der Studierstube

Winterwerbs Bildidee kreist um den Moment, da Faust in einem Zustand innerer Unruhe und großen Zweifels, die ihn trotz Studiums der Wissenschaften und der Theologie befallen, um neue Denkmodelle ringt. Seine Suche nach Wesen und Sinn der Welt, danach „was die Welt im Innersten zusammenhält“ 1, führt ihn zur Magie und dem „geheimnisvollen“2 Buch des Nostradamus, in dem das Zeichen des Makrokosmos3 seine Aufmerksamkeit erregt und sich ihm weitere Fragen aufdrängen: 4

„War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb, Die mir das innre Toben stillen, Das arme Herz mit Freude füllen, Und mit geheimnisvollem Trieb Die Kräfte der Natur rings um mich her enthüllen?“

Die Stube, in der der literarische Faust seinen berühmten Monolog hält und erstmals auf Mephisto trifft, wird zumeist als gotische Architektur imaginiert, ausgestattet mit Foliant und Totenschädel sowie Requisiten aus dem Labor des Alchimisten. Winterwerb verzichtet weitgehend auf eine Konkretisierung des Innenraums, der hier sparsam beleuchtet nur schemenhaft erkennbar bleibt. Er nutzt die Lichtführung im Bild, die den Blick des Betrachters auf Kopf, Hände und Buch lenkt, um den geistig-seelischen Prozess in Faust herauszustellen. Der nach oben gerichtete Blick kennzeichnet den nach Antworten Suchenden, der die sich nähernde, in beunruhigendem Rot gewandete Gestalt Mephistos noch nicht bemerkt hat. Für den überwiegend als Porträtmaler in Erscheinung tretenden Maler nicht ungewöhnlich, steckt viel Bildnishaftes in Winterwerbs Faust.5 Inwieweit er auf Vorbilder zurückgriff, lässt sich aufgrund dürftiger Quellenlage zur Vita nicht belegen, jedoch findet sich die Beschäftigung mit der Faust-Figur bereits sowohl in der niederländischen als auch deutschen Kunst des 17. Jahrhunderts.6 Der Gelehrte in der Studierstube fand seinen festen Platz im Motivkanon des 19. Jahrhunderts7 spätestens nachdem Goethes Faust 1808 erschienen war.


  1. Goethe, Johann Wolfgang von: Faust. Der Tragödie Erster Teil, Stuttgart 2000, „Nacht“, S. 13: Vers 383.

  2. Ebd., S. 14: Vers 419.

  3. In der Mitte steht Merkur, in kreisförmiger Anordnung sind Venus, Mars, Jupiter, Saturn, Sonne und Mond gruppiert.

  4. Faust, ebd. S. 15: Verse 434–438.

  5. Seine Ausbildung erhielt Winterwerb bei Jakob Becker und Eduard von Steinle am Städelschen Kunstinstitut. Seine qualitätvollen Bildnisse waren in der Frankfurter Gesellschaft hoch geschätzt, wohl ein Hauptgrund dafür, dass sein Werk überwiegend in Privatbesitz ist.

  6. So z. B. bei Rembrandt: Ein Gelehrter in seiner Studierstube. Das Motiv fand als Radierung weite Verbreitung.

  7. Vgl. etwa Georg Friedrich Kersting: Faust im Studierzimmer, 1829.

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