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Max Liebermann

Blumenstauden am Gärtnerhäuschen nach Osten

Öl auf Leinwand
54 cm75 cm

Unten links signiert: M. Liebermann

Blumenstauden am Gärtnerhäuschen nach Osten

Auf einem langgestreckten Grundstück am Wannsee, 1909 erworben, ließ Max Liebermann sich von dem Architekten Paul Otto Baumgarten die heute noch als Museum genutzte Sommervilla bauen. Für die Gestaltung des Gartens holte sich der Künstler Rat bei dem Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark. Dieser hatte sich intensiv mit Gartenbau und dem um die Jahrhundertwende von Architekten und Künstlern entwickelten Reformgarten1 beschäftigt. Der Reformgarten gab eine zeitgemäße und bürgerliche Antwort auf die Tradition des Landschaftsgartens, indem er eine Synthese aus Bauerngarten und nach architektonischen Prinzipien der Renaissance- und Barockzeit gestalteter Anlage anstrebte. Er zeichnet sich durch klare Strukturen aus, die in Sichtachsen, voneinander getrennten Pflanzenzonen, eingefassten Beeten und zurechtgeschnittenen Büschen ihren Ausdruck finden. Villa und Garten waren von Liebermann von vornherein als ästhetisches Ganzes konzipiert. Für Liebermann sollte das Sommerdomizil zu einer schier unerschöpflichen Quelle der Inspiration und Produktivität werden, denn wenigstens zweihundert Gemälde sollten hier entstehen. Das Refugium war jedoch auch wesentlicher Rückzugsort von städtischer Hektik und der Realität des Krieges, an dem der Künstler altersbedingt nicht mehr teilnahm. Auch das Reisen war für ihn nicht mehr so komfortabel, jedoch bot der Garten alles, um Natur zu studieren. „Nach den Vorstellungen von Alfred Lichtwark realisiert, entsprach der Nutzgarten mit seiner klaren Geometrie und Schlichtheit der alten Vorliebe des Malers für zivilisierte, vom Menschen planvoll bearbeitete Natur.“2 Mehr noch markieren diese ab 1916 verstärkt entstehenden Gartenbilder eine neue kraftvolle Schaffensphase Liebermanns, der hier die Sechzig bereits überschritten hatte. Sie stehen für eine intensivierte Auseinandersetzung mit dem Impressionismus und dem Malen in der Natur. Vorbild waren ihm vorrangig die späten Gartenbilder Édouard Manets.3 Liebermann selbst besaß wohl fünf Gemälde aus dieser Schaffensphase des von ihm hoch geschätzten Malers.4 Manets geordnete Bildarchitektur lag ihm näher als die Schöpfungen Monets, der sich als passionierter Gärtner seinen Traum eines Wassergartens in Giverny verwirklicht hatte. Im Gegensatz zu Liebermann ließ Monet, abgesehen von seinem eigenen gärtnerischen Wirken, dem Zufall Raum, insbesondere wuchernden Kletterpflanzen, deren Farbenpracht ihn immer wieder überraschte und ihn zu malerischen Feuerwerken veranlasste, in denen sich der Betrachter regelrecht verliert. Liebermann ging akademischer an die Gartengestaltung heran und schätzte gerade die Ordnung, die Bezugspunkte, ließ sich aber explizit in der Beschreibung der Blumenstauden auf formauflösende Abstraktionen ein. Unser Bild zeigt, wie Eberle darlegte,5 Blumenstauden am Gärtnerhäuschen nach Osten und entstand um 1928. Liebermann hat diesen Ausschnitt über die Jahre mehrfach interpretiert, wie er die unterschiedlichen Perspektiven unter Ausnutzung der Sichtachsen im Garten zu immer neuen „Aufnahmen“ nutzte. Allein der sich stetig verändernde Pflanzenbestand und die jahreszeitlich wechselnden Blütenstände der Stauden sorgten für Abwechslung in der Palette. Wie Margreet Nouwen feststellte, wirken die Wannseegartenbilder Max Liebermanns zuweilen wie mit einem Weitwinkel fotografiert.6 Dieser Weite suggerierende Effekt kennzeichnet auch unser Bild. Nicht von Ungefähr sieht Richardson in Liebermanns Wannseegärten eine Parallele zur Landschaftsmalerei.7 Wenn Emil Waldmann für Manets Gartenbilder feststellte, dass er die Landschaft zurück nach Paris holte,8 so trifft dies auch auf Max Liebermann für Berlin zu.


  1. Die Reformbewegung war bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland und der Schweiz entstanden. Ihr Streben zielte auf den „Naturzustand“ und stand kritisch zu Industrialisierung, Materialismus und Urbanisierung.

  2. Howoldt, Jenns Eric:“Vor allen Ländern lächelt jenes Eckchen der Erde mich an…“ Die Gartenbilder und ihr zeitgeschichtlicher Hintergrund, in: Kat. Ausst. Im Garten von Max Liebermann, Hamburger Kunsthalle, Alte Nationalgalerie Berlin 2004/2005, S. 12.

  3. Richardson, Holly: „un jardin de peintre“ Die Gartenbilder von Monet, Manet und Liebermann, in: Kat. Ausst. Im Garten von Max Liebermann, S. 34-38.

  4. Ebd., S. 35.

  5. Eberle, Matthias: Liebermann: Werkverzeichnis der Gemälde und Ölstudien, München 1995, WV-Nr. 1928/11, S. 1194 (Abb.).

  6. Nouwen, Margreet: Der Garten im Fluchtpunkt, in: Kat. Ausst. Im Garten von Max Liebermann, S. 22.

  7. Richardson, a. a. O., S. 37: “Der Garten als Berliner Landschaft”.

  8. Vgl. ebd., S. 37.

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