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Hans Thoma

* 1839 – † 1924

Lauterbrunnental

Öl auf Leinwand
1595 cm1355 cm

Monogrammiert und datiert unten links: HTh 1904

Lauterbrunnental

Eine der frühesten Ansichten des im Berner Oberland gelegenen Lauterbrunnentals stammt von Christian Georg Schütz d. Ä.1 In der Folge taucht es immer wieder in der Malerei auf, beispielsweise bei Josef Anton Koch, um nur eines der bekannteren Beispiele zu nennen.2 Mit seinen zweiundsiebzig Wasserfällen bietet das Tal ein großes Motivspektrum, das Maler, die den beschwerlichen Weg auf sich nahmen, fesselte. Im Entstehungsjahr des großen Bergpanoramas war Hans Thoma der Einladung des großherzoglichen Paares, Friedrich I. und Luise, zu einer Reise in die Schweiz gefolgt. Der Geograph Georg Gerland3 begleitete die Gruppe und versorgte sie mit Kenntnissen zur Erdgeschichte. Der Großherzog war ein großer Bewunderer des Künstlers und hatte ihn bereits 1899 als Direktor der Kunsthalle und Professor für Landschaftsmalerei an die Akademie in Karlsruhe berufen. In seinen Lebenserinnerungen schreibt Thoma über den starken Eindruck, den die außergewöhnliche Geographie des Tals auf ihn machte: „[…] und das Lauterbrunnertal liegt so lauter da als ob es einem die Entstehungsgeschichte der Erdoberfläche vordemonstrieren wollte.“4 Die Schweizreise veranlasste Thoma zu drei Gemälden, die noch 1904 im großen Oberlichtsaal des Badischen Kunstvereins als „Thoma-Wand mit den drei Alpenlandschaften“ ausgestellt wurden.5 Thoma wählte als Standpunkt eine Aussichtsplattform auf der Schynige Platte, die zu einem Panoramablick einlädt und einen fabelhaften Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau bietet. Für Thoma ist diese Landschaftsdarstellung ungewöhnlich, insofern er gänzlich auf figürliche Staffage verzichtet und nicht der Versuchung erliegt, ein fotografisches Abbild zu schaffen. Mit Betonung der linearen Strukturen und verhaltener Farbwahl erzeugt er Abstraktion und schafft es dennoch, eine hoch komplexe Geographie erfahrbar zu machen. Die Tendenz zu vereinfachter, komprimierter Naturdarstellung lässt sich für Thoma um die Jahrhundertwende erkennen, wie auch zeittypische Einflüsse bei ihm ihre Wirkung zeigen, die insbesondere im Umfeld des Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein zu greifen sind.6 Zusammen mit dem gleichzeitig entstandenen, ebenfalls monumentalen Alpenpanorama Auf dem Pilatus7 steht das Lauterbrunnental relativ singulär im Gesamtoeuvre. Thoma hat diesen Grad an Abstraktion in kaum einem anderen Werk erreicht, auch nicht in späteren. Er blieb trotz intensiver Begegnungen mit Courbet oder dem Leibl-Kreis, dem er zeitweise angehörig war, innerlich der Romantik verbunden, zumal seine tiefe Religiosität auch in seinen Landschaften Ausdruck fanden.


  1. Christian Georg Schütz d. Ä.: Das Lauterbrunnental (1762; Historisches Museum Frankfurt am Main).

  2. Joseph Anton Koch: Schmadribachfall (1821/1822; Neue Pinakothek München, Inv.-Nr. WAF449).

  3. Georg Cornelius Karl Gerland (1833 Kassel – 1919 Straßburg).

  4. Thoma, Hans: Im Winter des Lebens, Jena 1919, S. 114/123.

  5. Vgl. Fotografie in: Kat. Ausst. Bilder im Zirkel – 175 Jahre Badischer Kunstverein, Badischer Kunstverein Karlsruhe 1993, S. 249.

  6. Die Ausstellungstätigkeit des Verbandes fällt in die Jahre 1900–1922.

  7. Lauts, Jan/Zimmermann, Werner: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe. Katalog Neuere Meister, Karlsruhe 1971, Inv.-Nr. 1044.

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