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Carl Morgenstern

* 1811 – † 1893

Cadenabbia am Comer See

Öl auf Leinwand
40 cm63 cm

Signiert und datiert unten rechts: C. Morgenstern 1866

Cadenabbia am Comer See

Im Jahr 1864 folgte Carl Morgenstern der Einladung des befreundeten Frankfurter Kaufmanns Georg Seufferheld1 an den Lago di Como in dessen kleine Villa in Cadenabbia. Am idyllischen Westufer des Sees gelegen, gewann der Ort in der Belle Époque seine mondäne Anziehungskraft. Zusammen mit dem Gastgeber und dessen Neffen unternahm man längere Ausflüge, u. a. zur Via Mala, die Morgenstern unbedingt noch einmal sehen wollte,2 schließlich sollte es seine letzte große Reise sein. Von der Villa, die Seufferheld an Alexander Andreae vererbte,3 vermittelt eine Zeichnung der Morgenstern-Schülerin Toni Andreae aus dem Jahr 1872 (Abb. 1)4 einen Eindruck. Von diesem Domizil aus waren auch die Küstenorte Bellagio und Varenna, die weiteren bevorzugten Ziele von Morgensterns Motivreise, gut erreichbar. Eine leider undatierte aquarellierte Zeichnung (Abb. 2), die 2008 auf dem Kunstmarkt erschien, gibt den von einem Boot auf dem Wasser aus gesehenen Uferabschnitt unseres Gemäldes nahezu identisch wieder – sogar die Fischerboote sind teilweise übernommen –, und es ist davon auszugehen, dass sie im Gegensatz zum Gemälde vor Ort entstand, möglicherweise sogar als Vorstudie diente.5 Bekanntermaßen führte Morgenstern seine Gemälde im Frankfurter Atelier auf der Basis seiner zahlreichen Reiseskizzen aus, die er oft mit detaillierten Angaben zu Tageszeit und Farben versah. Im direkten Vergleich zeigt sich, dass das Gemälde die in der Farbigkeit eher nüchtern realistische Vorlage neu interpretiert, der See nun in kräftigem Blau erstrahlt und die Villen an der Promenade ein warmes Sonnenlicht reflektieren. Das Bild ist ein gutes und qualitätvolles Beispiel für Morgensterns Malerei der 1860er Jahre, denn ab der Jahrhundertmitte wandelt sich seine Natursicht hin zu einer idealen, romantisierenden Bildwirkung, die er durch weichere Lichtführung und Vermeidung harter Kontraste herstellt. Die markanten Gesteinsformationen des über dem Ort steil aufragenden Massivs weisen eindeutig auf Cadenabbia hin, auch wenn, wie die rückseitigen Beschriftungen dokumentieren, bezüglich der Lokalität Zweifel bestanden.6 Die Architekturen konnten keinen noch vorhandenen Gebäuden zugeordnet werden, wobei der Ort sich mit den Jahren sicher stark verändert hat. Jedoch erkannte bereits Inge Eichler, die sich intensiv mit den Morgensternschen Landschaften befasste und diese mit den örtlichen Begebenheiten verglich, dass der Maler zwar topographisch genaue Zeichnungen, Aquarelle und Ölstudien vor Ort fertigte, auf deren Basis jedoch Gemälde mit frei erdachten Ergänzungen komponierte.[^Eichler, Inge: Schweizer Landschaftsdarstellungen des Frankfurter Malers Carl Morgenstern, in: Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte,

  1. Jg., Zürich 1974, S. 66.]

  1. Georg Seufferheld (1813–1874) war Stadtverordneter der Stadt Frankfurt am Main und Mitglied der Gründungskommission des Zoos.

  2. Vgl. Ausführungen von Bettina Hausler: Morgensterns letzte Schweizreise 1864, in: Kat. Ausst. Carl Morgenstern und die Landschaftsmalerei seiner Zeit, Museum Giersch Frankfurt am Main 2011, Petersberg 2011, S. 211.

  3. Alexander Andreae stammte aus der Frankfurter Hugenottenfamilie Andreae, die im wirtschaftlichen und kulturellen Leben der Stadt eine herausragende Rolle spielte und wiederum in verwandtschaftlicher Beziehung zu Carl Morgenstern stand. Ihr entstammten Bankiers, Kaufleute und Juristen.

  4. Toni Andreae: Villa Seufferheld, Bleistift auf Bütten, 14,5 x 22 cm, unten links signiert: Toni Andreae, unten rechts bezeichnet: Villa Seufferheld, Lago di Como 1872. J. P. Schneider jr., Frankfurt am Main.

  5. Carl Morgenstern: Cadenabbia am Comer See, Bleistift und Aquarell, 28,5 x 46 cm, Kunsthaus Lempertz, 929. Auktion, Los-Nr. 01476: http:// www.artnet.com/PDB/FAADSearch/LotDetailView.aspx?Page=1&art- Type=FineArt&subTypeId=355.

  6. Auf dem Keilrahmen werden mehrere Orte genannt: Bellagio, Cadenabbia, Menaggio und Varenna.

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