Carl Morgenstern
Blick auf Tivoli und die Wasserfälle, 1837

Die östlich von Rom in den Monti Tiburtini gelegene Stadt Tivoli hat mit ihren Wasserfällen und Überresten römisch antiker Bauwerke Generationen von Künstlern angezogen und darf als Ort der deutschen Italiensehnsucht schlechthin verstanden werden. Durch das angenehme Klima und die einzigartige Schönheit der Natur waren der Ort und seine Umgebung bereits bei den Römern besonders in den heißen Sommermonaten äußerst beliebt. Unter anderem ließ sich Kaiser Hadrian1 ab 125 n. Chr. dort ein Landhaus in Form der Villa Adriana anlegen, deren Ruinen heute noch zu bestaunen sind. Als prägnantes Erkennungsmerkmal Tivolis gilt der im 1. Jahrhundert v. Chr. errichtete Vestatempel, welcher sich durch seine exponierte Lage oberhalb der in die Tiefen stürzenden Wasserfälle des Anios über Jahrhunderte hinweg in den Darstellungen vieler Maler großer Beliebtheit erfreute.2 So verwundert es nicht, dass dieser zu einem den ersten Motive gehört, denen sich Carl Morgenstern im Sommer 1835 vorerst im Medium der Zeichnung annähert (Abb. 1). Im Winter des gleichen Jahres wird das Sujet in einem ersten Ölgemälde festgehalten (Abb. 2), welches mit drei weiteren Werken im folgenden Frühjahr nach Frankfurt zu seinen Eltern geschickt wird.3 Selbstkritisch äußert sich der Maler hierzu gegenüber seinen Eltern:
„Das Tivoli war das erste, es hat mehr deutsche Farben (…) ist aber zu blaugrau, u. überall die Oliven; die vorderen habe ich aber doch ziemlich kräftig gemacht. (…) Ich will lieber künftig in dieser Art malen, mit Bäumen u. niederem Horizont, jetzt glaube ich, dahinterzukommen, jetzt sehe ich die Natur schon weit vernünftiger an.“4
Morgenstern zog es auch 1837, im letzten Jahr seines Italienaufenthaltes, nach Tivoli, wo vorliegendes Gemälde entstanden ist. Der Vergleich mit dem zuvor beschriebenen Werk bietet sich an, weil hierin die Entwicklung des Künstlers zu einer selbstsicheren und freieren Umsetzung seiner in Italien gewonnenen naturgetreuen Auffassung der Landschaft sichtbar wird, die in seinem Frühwerk große Wertschätzung erfährt. Die Dramatik der tosenden Wasserfälle ist in die Ferne gerückt; dazu wählt der Künstler seinen Standpunkt am Ufer des ruhig dahinfließenden Anios. Frei von kompositorischen Vegetations- und anekdotischen Staffageelementen konzentriert er sich ganz auf die naturgetreue Wiedergabe des gewählten Landschaftsausschnittes. In den für Morgensterns Werke seltenen silbrigen und grauen Farbnuancen, welche Christian Ring zu einem Vergleich mit Camille Corot5 anregte, wird Tivoli auf den Hügeln des Monti Tiburtini im Morgendunst stimmig von der Landschaft eingefasst.6 Dass der Maler hier den Versuch unternommen hat, einen Gesamteindruck der vorgefundenen Geografie festzuhalten, verdeutlicht auch das am 14. Juli des gleichen Jahres entstandene Werk „Wasserfälle bei Tivoli“ (Abb. 3) aus der Alten Nationalgalerie, in dem er von einem höheren Standpunkt aus gesehen die Gegebenheiten der Schlucht des Anios festhält. Wie die Widmung an seinen Sohn Ernst7 auf der Rückseite verrät, muss Morgenstern dieses Werk sehr geschätzt haben. Bis in die frühen 1960er-Jahre verblieb das Bild in der Familie des Künstlers und wird nun erstmals angeboten.
Abb. 1 Carl Morgenstern: Der Tempel der Vesta und S. Giorgio in Tivoli, Bleistift auf Papier, 410 × 542 mm, Städel Museum Frankfurt am Main, Inv. SG 409
Abb. 2 Carl Morgenstern: Ansicht von Tivoli 1836, Öl auf Leinwand, 56 × 74 cm Privatbesitz
Abb. 3 Carl Morgenstern: Wasserfälle bei Tivoli 1837, Öl auf Leinwand, 44,5 × 58 cm, Alte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, Inv. A II 198, Nationalgalerie/Andres Kilger
Fußnoten
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Imperator Caesar Traianus Hadrianus Augustus (76–138 n. Chr.). ↩
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Kat. Ausst. Kennst du das Land. Italienbilder der Goethezeit, Neue Pinakothek München 2005, München 2005, S. 133. ↩
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Kat. Ausst. Carl Morgenstern und die Landschaftsmalerei seiner Zeit, Museum Giersch 2011, Petersberg 2011, S. 104. ↩
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Brief Carl Morgenstern an seine Eltern vom 25.05.1836. ↩
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Jean-Baptiste Camille Corot (1796–1875). ↩
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Kat. Ausst. Carl Morgenstern und die Landschaftsmalerei seiner Zeit, Museum Giersch 2011, Petersberg 2011, S. 101. ↩
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Friedrich Ernst Morgenstern (1854 – 1919). ↩